Geschichte

Eine Zusammenstellung zur Geschichte Querenburgs
von Walter Vietor

Auf Kohle entstanden, von Hightech geprägt

Viele sind Zeitzeugen des alten und des neuen Querenburg. Die einen trauern den früheren Zeiten nach, die anderen begrüßen die stürmische Entwicklung. Eine einseitige Beurteilung kann unserer Situation nicht gerecht werden. Gewiss sind wir uns in der Feststellung einig, dass das neue Querenburg nahezu alles besitzt, was Natur und Kultur zu bieten haben: Berge, Täler, Bodenschätze und vielerlei Gewässer, Wälder und Felder – eine ländliche Idylle –, dazu Siedlungen, Straßen, Schulen, Kunstsammlungen und Hochschulen eine reiche Kulturlandschaft.

Wenn sich die Schwaben rühmen, ihr „Musterland” habe dem lieben Gott als Modell gedient, bevor er die Weit erschaffen hat, so könnten wir dies auch von Querenburg sagen.

Die nachfolgenden Gedanken mögen das belegen…

Unsere Zechen im 19. Jahrhundert

Eine davon war Julius-Philipp am Fuße des Grimbergs gegenüber dem Gasthaus Schmuch-Wengeler –, die 1838 das Schürfrecht erteilt bekam. Die Stollenzechen im Lottental beförderten damals die Kohle und auch Eisenerze mit Hilfe einer Pferdeschleppbahn zur Ruhr, wo ein Verladeplatz eingerichtet war.

Die Erfindung der Dampfmaschine ermöglichte den Tiefbau. Eine der ersten Tiefbauzechen war Julius-Philip (1878–1908) an der Markstraße mit über 1000 Mann Belegschaft. Niemand mehr kann davon berichten, wie damals die Güterzüge, beladen mit Kohle, Koks und Briketts, zum Bahnhof Langendreer dampften. Zum Glück ist uns der Malakowturm (1877), der das Schachtgerüst zum Schutz umgab, erhalten geblieben, ein Industriedenkmal von hohem Rang.

Unseren Zechen im 20. Jahrhundert

Die Schachtanlage Mansfeld Schacht V (1902–1943), die neben dem heutigen Heizkraftwerk am Kalwes stand, produzierte im Schatten der Hauptanlage in Langendreer. Weil es weder’ einen Land- noch Bahnabsatz gab, erfolgte der Transport der 1000 Wagen Kohle über eine Seilbahn. Nach dem Kriege dienten die Zechengebäude als Unterkunft für Betriebe und Ateliers.

Die Zeche Ver. Klosterbusch (1918–1961) im unteren Lottental ist heute noch im Bewusstsein der Querenburger Bevölkerung lebendig geblieben. Viele Berglehrlinge haben hier unter schwierigen geologischen Verhältnissen eine gründliche Ausbildung erfahren. Auf Klosterbusch, wo jeder fast jeden kannte und Untertage zuweilen noch das vertraute Platt gesprochen wurde, ging es persönlicher zu als anderswo.

Klein-Zechen nach dem 2. Weltkrieg

Mit den Kleinzechen nach dem letzten Kriege kam für Querenburg der Abgesang des Bergbaues. Als Folge des Kohlemangels und des Spekulantentums schossen die Kleinbetriebe wie Pilze aus dem Boden; 1955 gab es noch 9 davon, darunter „Lieselotte”. Wir haben noch das ewige Quietschen der Fördergeräte in den Ohren und die ungepflegten Anlagen vor Augen, die wenig zimperlich jene Kohle aus der Erde buddelten, die die Großen stehen gelassen hatten. Bergschäden waren die Folge. Die Ruhr-Universität hat das Ende der Epoche des Bergbaus in Querenburg noch beschleunigt.

Ein Rundblick vom Kalwes aus

Auf der Höhe des Kalwes (146 m) erleben wir die Vielfalt und Schönheit unserer Landschaft. Wir gewinnen das Gefühl, auf der Grenze zwischen dem Norddeutschen Tiefland und dem Mittelgebirge zu stehen. Zu unseren Füßen breitet sich das Ölbachtal aus. Mit etwas Phantasie können wir uns vorstellen, wie in der Eiszeit ein schwerer Eispanzer bis über die Ruhr vordrang, wie danach ein mächtiger Strom von Schmelzwasser durch das Tal rauschte und der klare Ölbach noch zu Großvaters Zeiten Mühlen und Hammerwerke an trieb. Die einst sumpfige Niederung erwies sich als eine ideale Trasse für den Bau der A 43. Das neuzeitliche Klärwerk sorgt für die Reinigung der Abwasser.

Ein Rundblick vom Kalwes aus

Auf der Höhe des Kalwes (146 m) erleben wir die Vielfalt und Schönheit unserer Landschaft. Wir gewinnen das Gefühl, auf der Grenze zwischen dem Norddeutschen Tiefland und dem Mittelgebirge zu stehen. Zu unseren Füßen breitet sich das Ölbachtal aus. Mit etwas Phantasie können wir uns vorstellen, wie in der Eiszeit ein schwerer Eispanzer bis über die Ruhr vordrang, wie danach ein mächtiger Strom von Schmelzwasser durch das Tal rauschte und der klare Ölbach noch zu Großvaters Zeiten Mühlen und Hammerwerke an trieb. Die einst sumpfige Niederung erwies sich als eine ideale Trasse für den Bau der A 43. Das neuzeitliche Klärwerk sorgt für die Reinigung der Abwasser.

Von den „Werdener Urbanen” zur „Alma mater”

Wer Querenburg verstehen will, muss die Stufen seiner 1.100jähiigen Geschichte wie ein Transparent aufeinanderlegen. Dabei wächst die Erkenntnis, dass sich die vorgeschichtlichen Strukturen in verwandelter Form bis heute erhalten haben.

Das Grundmuster von Querenburg ist die bäuerliche Besiedlung, die in der Zeit der Rodungen zwischen 400 und 800 n. Chr. begann: die Sippen der Brukterer legten am Rande der Niederungen ihre Urhöfe an. Zwei davon sind das Haus Heven und das stattliche Haus Laer, die der niedere Adel im ausgehenden Mittelalter zu Wasserburgen ausbauen ließ. Den ersten urkundlichen Nachweis lieferte uns um 890 n. Chr. das fränkische Missionskloster Werden, das die Steuerpflichtigen in „villa Quernberga” in einer Hebeliste aufführte. „Quem” oder „Queme” war das althochdeutsche Wort für eine Handmühle, mit der die germanischen Bäuerinnen das Getreide mahlten. Demnach bedeutet Querenburg soviel wie Mühlenberg. Die Handmühlen, hergestellt aus dem harten Ruhrsandstein waren Handelsartikel.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Im Laufe des Mittelalters wurden die Flurstücke Hustadt, Buscheiderfeld und Kalwes in einer Streusiedlung besiedelt. Dabei bildete sich allmählich eine Bauernschaft, die abseits der Handelswege lag. Im frühen Mittelalter ist die Sippensiedlung „Friehlinghausen” entstanden, eine Unter-Bauernschaft, die hinter dem heutigen Mahnmal liegt. Aus ihr gingen Freigrafen und Freischöffen hervor. Das Schatzbuch der Grafschaft Mark von 1486 führte in Vrylinchuysen – gemeint ist Querenburg – 18 Höfe auf, von denen einige Stellen bis heute erhalten sind.

Die wenigen schmucken Fachwerkhäuser, die mit Geschick restauriert worden sind, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Elend der bäuerlichen Bevölkerung bis ins 19. Jahrhundert hinein groß war. Die heimatlosen vagabundierenden Hirtenkinder, die für die Bauern im Ölbach das Vieh hüteten und später in Fabriken schufteten, wecken noch heute unser Mitleid.

Von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts…

Die nächste Stufe der Besiedlung geht zurück auf den Bergbau, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einheimischen Arbeitskräften nicht mehr auskam. Um die Jahrhundertwende sind hier jene Häuser aus Ziegelsteinen gebaut worden, die sich durch ihre gleiche Architektur auszeichnen: in der Mitte die Haustür, darüber der Giebel, links und rechts zwei Fenster, im Anbau der Stall, dahinter Gartenland. Solche Häuser, die wir in ihrer ursprünglichen Fassade erhalten sollten, stehen u.a. an der Markstraße, der Overbergstraße und Auf dem Aspei. Ihre Bewohner, meist Bergleute und Handwerker mit großen Familien, verstärkten das städtische Element und ermöglich ten bei steigender Einwohnerzahl die Gründung von Vereinen, – der „Germania 1888” und des, TuS Querenburg 1890„.

… zur Mitte des 20. Jahrhunderts

Die Zeit von 1945 bis 1961 war ein kurzer, ereignisreicher Übergang in das heutige Querenburg, gleichsam ein Probelauf zur Einübung in neue Lebens- und Denkform en. Der Impuls kam wieder von außen: Die Ostvertriebenen, mehrheitlich Schlesier, siedelten sich im Bellenkamp und Im Westenfeld (1952–55) an.

An der Vormholzstraße entstand 1960 eine Siedlung von Eigenheimen. Für Weiterdenkende stellte sich damals die Herausforderung, den Gegensatz von Alteingesessenen und Neubürgern überwinden zu helfen – und es gelang, und das sogar in kurzer Zeit.

Den legendären Querenburger Heimatfilm, nach 1933 gedreht und 1954 bei der Einweihung der Waldschule „gereinigt” aufgeführt, empfanden die Zuschauer schon damals als überholt. Der Aufbau der Evang. und Kath. Kirchengemeinde Querenburg, der von der Bevölkerung aktiv mitgetragen wurde, ging zügig voran. Der Gedanke der Ökumene hatte hierlängst Fuß gefasst, noch bevor er in den Kirchen Allgemeingut wurde.

Zeichen einer neuen, heute „guten, alten Zeit”

An der Gemeinschaftsschule Markstraße 189 zeigten sich im 1. Schuljahr Ansätze der Schulreform, die an den Theken heftig diskutiert wurden.
Jene Zeit,

  • als Fritz Heinemann Oberbürgermeister von Bochum war,
  • der Zechenbus noch verkehrte,
  • Faustballturniere Lokalereignisse waren,
  • der Dorfpolizist mit Hund die Schulkinder beschützte,
  • im Konsum noch Mehl und Zucker ausgewogen wurden,
  • fast jeder ein Stück Gartenland hatte,
  • im Saale Hahne-Menke ein Kino war und
  • am Volkstrauertag die Bevölkerung in Scharen zum Mahnmal strömte,

solche Erinnerungen sind lebendige Vergangenheit. War das etwa die „gute alte Zeit”?

Vom dörflichen Vorort zur Universitätsrahmenstadt

Dann folgt der 18. Juli 1961. Der Landtag hatte folgenden Beschluss gefasst: Die Ruhr-Universität wird in Bochum gebaut. Damit war der schöne Traum von der Gartenstadt Querenburg zu Ende. Die neue Realität war in ihrer Größe und in ihren Auswirkungen einfach nicht zu erfassen, und die Ereignisse überschlugen sich.

Die erste Begegnung der Querenburger mit dem gewagten Projekt war das heizbare Zelt, das bei Eis und Schnee auf Hautkrapps Feld aufgeblasen wurde. Rat und Verwaltung der Stadt Bochum priesen den Mitgliedern des Landtags ihren Standort für die Universität als ideal an, und er war es auch.

Nach der Planung, die angeblich ohne Rücksicht auf die bestehende Besiedlung erfolgen durfte, setzte eine ungeahnte Bautätigkeit ein. Es hieß, zusammen mit dem Komplex Opel sei Querenburg die größte Baustelle Europas – und die verlangte Opfer an Geld, Land und Gebäuden.
Aus Bauernland wird Bauland

Die Bauern wurden abgefunden, als erster Hautkapp auf dem Buscheyhof den Hauseigentümern soll ihr Anwesen „neu für alt” entschädigt worden sein. Und dann schlugen die Eisenkugeln am Bagger zu: Der Bellenkamp wurde abgeräumt, hunderte von Gebäuden wurden dem Erdboden gleichgemacht, darunter die Apostelkirche und einige schöne Kotten. Viele Alteingesessene mussten Querenburg verlassen.

Parallel zum Abbau vollzog sich der Neubau, der mit der Errichtung des schmucken Pavillons – ostwärts der Tiefgarage der Kirchengemeinden – für den Baustab begann. Es ging zu wie in einer Goldgräberstadt. Das Buscheyfeld wurde tief aufgerissen und gegen Bergschäden gesichert. Wir staunten über die Technik und das Tempo und schimpften über den Dreck und den Verkehr. Als einer der beiden Portalkräne über den Gebäuden IA und IB in einer Gewitterbö umstürzte und der Kranführer dabei zu Tode kam, hat uns das erschüttert.

Wo der Beton grünt

Die Universität auf der grünen Wiese erforderte den Bau der Studentenwohnheime, des Uni-Centers und der Hustadt 1968, Laerholz- und Steinkuhl-Siedlung 1970. Kenner behaupten, dass die Hustadt zu den schönsten neuen Siedlungen Westdeutschlands zählt. Gewiss sind Fehler gemacht worden; aber es ist eben schwer, die richtige Bauweise für die Ansprüche von morgen zu linden.

Mit der Universität kam erneut ein Strom von Menschen nach Querenburg. Zuerst waren es die Männer vom Bau; ab Sommersemester 1965 mit Aufnahme des Lehrbetriebes kamen Studenten, Hochschullehrer und Bedienstete mit ihren Familien. Unter ihnen waren Ausländer aus allen Erdteilen; ihr Anteil beträgt heute 16 %. Querenburg öffnete sich weit. Die Universität als Stätte der Wissenschaft und Forschung kennt keine Grenzen. So schickt der Botanische Garten seinen alljährlichen Samenkatalog an 450 Einrichtungen in aller Welt.

… und der Zukunft zugewandt:

Querenburg befindet sich in der Entwicklung in seiner IV. Stufe. Wieder steht die soziale Frage im Vordergrund. Die Zugezogenen müssen sich einleben. Bei großer Fluktuation ist dies schwieriger und komplexer als früher. Viele setzen sich tatkräftig für die Integration ein: Da sind die Bürgerinitiativen, die positive Zuwendung von Rat und Verwaltung der Stadt, die Einladungen der Universität an die Bevölkerung, die Ideen der Geschäftsleute und das Wirken der Kindergärten, Schulen, Kirchen und Vereine. Das stimmt froh, erfordert aber Geduld und Zeit.

Für die Querenburger, die Fuß gefasst haben, stellt sich eine doppelte Aufgabe: Zunächst sollte man dankbar anerkennen, was hier in fast 40 Jahren geschaffen worden ist. Den Gedanken einer Gartenstadt sollten wir wieder aufleben lassen, die Häuser und Anlagen pflegen und gute Nachbarschaft halten. Querenburg ist zwar kein Heidelberg, aber Heidelberg ist auch kein Bochum-Querenburg.